Also –

mein Erscheinen in Berlin-Charlottenburg und damit meine Teilnahme  am allgemeinen Weltgeschehen wurde am 2. Oktober 1935 amtlich registriert. Ich soll, weil zwei Wochen übertragen, recht hässlich und zerknittert ausgesehen haben – ein anomaler Zustand, dem ich mich jetzt mit über achtzig Jahren allmählich wieder annähere. Nur sei das normal, wie man mir immer wieder versichert. Da ich gleichzeitig aber der Auffassung bin, dass das Ich-Bewusstsein eigentlich nicht altert, sondern nur durch Kreuz- und andere Schmerzen zeitweilig gestört wird, sitze ich viel und schreibe, weil das immer noch am bequemsten ist,  und dabei mein PC einigermaßen sinnvoll beschäftigt werden kann.

Ich schreibe also, um meinen eigenen Zustand erträglicher zu machen, nicht den des allgemeinen Weltgeschehens, wie irrtümlich angenommen werden könnte. Zugestanden: Sollte sich jemand, der mein Geschriebenes liest, dennoch irgendwie angesprochen fühlen, ja mitunter vielleicht zum Mitdenken oder sonstwie animiert vorkommen – zum Lachen beispielsweise – dann müsste mir das eigentlich ziemlich wurscht sein. Ist es aber leider nicht. Denn weiterhin zugestanden: Ich bin in gewisser Weise auch eitel. Ich freue mich zum Beispiel immer, wenn ich auf jemanden treffe, der im Prinzip meine Ansichten teilt, der –  um nur ein paar Beispiele zu nennen –  die globale US-Dominanz, wie ich, unerträglich  findet, oder beim Blick auf die Landkarte Eurasiens ein normales Verhältnis zu Russland nicht nur als naheliegend, sondern auch als dringend notwendig erachtet. Ich freue mich genau so, wenn jemand meint, dass die Tricksereien vieler Superreicher, die den Hals nicht voll genug kriegen können, endlich als das erkannt werden, was sie sind, nämlich kriminell, und der vielleicht auch überzeugt ist, dass weltanschauliche Intoleranz jeglicher Spielart nur mit gefährlicher Geisteskrankheit gleichzusetzen ist.

Wie gesagt: Das sind nur ein paar Beispiele für meine nicht weiter bemerkenswerte Einschätzung der Zustände. Ansonsten liebe ich Klassik jeglicher Art, wozu ich auch den Berliner Kartoffelsalat rechne, oder was meine Frau in der Küche so zaubert, jeden Tag aufs Neue. Ich liebe sie, und nicht nur deswegen, liebe sie seit annähernd 46 Jahren und bin der Auffassung, dass sowas durchaus in einem Lebenslauf vermerkt werden kann. Was noch? Zwei Töchter und ein Sohn ziehen mit Anstand und großem Fleiß auf ihren Lebensbahnen dahin, und zwei Enkelinnen konzentrieren sich – die eine auf ihr Studium, die andere auf den Übergang zum Gymnasium.

Früher war ich mal Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, und noch viel früher Theaterdramaturg. Ich musste damals immer sehr viele Bücher lesen, bis mir das zum Hals raus hing, und ich in Rente gegangen bin. Seitdem schreibe ich selber welche. Wegen der Rückenschmerzen. Das Komische daran ist, dass die Leute, denen ich daraus vorlese, wie neulich erst in Wildau bei Berlin, sich amüsieren und gut unterhalten fühlen. Es ging dabei um mein Jüngstes, um „Zweimal Friedrichstraße“ – ein Bahnhof, eine Familie, ein Leben, das gerade auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wurde. Hinten auf dem Einband steht Näheres drauf, und das könnte man ja ruhig jetzt gleich mal lesen, falls man nichts Besseres vorhat.

 

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Die Rückkehr der Schmackedutschen

Und nun sind sie wieder voll da, die Schmackedutschen, Knall auf Fall hageln die Treffer im entscheidenden Kampf vor einem begeisterten Publikum nicht nur im Tunnel zur Schwartzkopff-Fabrik in Wildau, sondern auch … Nun ja, vielleicht habe ich da ein wenig zuviel beim Boxen in Rio zugesehen, aber im Prinzip stimmt es: Jahrelang sprach kein Mensch mehr von Schmackedutschen, bis ich mich entschloss, die Kindheitserzählungen meines Vaters aufzuschreiben und in dem Buch „Zweimal Friedrichstraße“ zu veröffentlichen. Auch in Trier tauchten sie im letzten Mai wieder auf, allerdings in der Verkleinerungsform ‚das Schmackeduzchen‘, und da handelt es sich um einen Theaterabend, der das wechselhafte Leben von Claire Waldoff zum Inhalt hat. Sie konnte ja ihr Lied von der tragischen Liebesgeschichte zwischen einem Enterich und seinem Schmackeduzchen als Riesenerfolg auskosten, ehe einige Jahre später ‚Hermann heeßta‘ mit der Zusatzstrophe über den dicken Göring die Nazis vergrätzte und Claire in Ungnade fiel. Seitdem herrschte Schweigen um die armen Schmackedutschen, die in Berlin dann nur noch Bumskeulen hießen und nichts anderes sind, als harmlose Rohrkolben (Typha latifolia), zu finden in Uferbereichen und auch hier wieder erfreulich zunehmend.

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Eine Buchbesprechung

Peter Joseph, langjähriger Fernseh-Journalist und ARD-Korrespondent

Meine Gedanken zum Buch:

„Zweimal Friedrichstraße – ein Bahnhof, eine Familie, ein Leben“.

Hat sich Dietrich Goldberg eingereiht in die Heerschar der sich berufen Fühlenden, die seit anno Tobak Preußens Glanz, Popanz und Gloria durch die Buchstabenmangel drehen und damit der Welt beweisen, wie helle sie im Koppe sind?

Nee, Vaehrtesta. Diese Erzählungen von Dietrich Goldberg sind viel mehr als ein Hauch Berliner Luft. Es sind Reminiszenzen an eine real existierende Familie, an Schulfreunde, an Arbeiter, Bauern und biedere Bürger, an den Alltag zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Umland vom Berlin. Erinnerungen an eine Zeit, die fast so weit zurück zu liegen scheint wie Preußens Gloria, unendlich weit zurück also aus unserer Sicht. Heute haben wir doch andere Sorgen, sollte man auf den ersten Blick meinen.

Aber schon beim zweiten Blick dämmert ’s sogar dem Nicht-Preußen, dass auf den gut hundert Seiten etwas ganz Anderes wartet, als der oft strapazierte Bahnhofsname vermuten lässt. Es geht nicht um Zonengrenzen, Tränen, Prostitution, Drogen oder Spionage, also nicht um die Themen, die einem dank Bild und Co. bei der Erwähnung des Bahnhofs Friedrichstraße beinahe zwangsläufig einfallen. Janz im Jejenteil!

In diesem Buch findet man quicklebendig erzählte Alltagsgeschichten, die man getrost auch Enkeln und Urenkeln im Grundschulalter vorlesen kann. Liebe und Sex, Schmuddelkram und Verbrechen kommen nicht vor. Es ist der stinknormale Alltag der kleinen Leute, der da zum Leben erblüht, und staunend merkt man, wie spannend das sein kann, sich mit denen zu befassen, die nur ein paar Eisenbahnstationen außerhalb der überschäumenden Stadt Berlin der 1920er Jahre leben, wohnen und arbeiten als sei ’s auf einem anderen Stern.

Dietrich Goldberg schafft es ohne den modischen Griff in Richtung Gürtellinie, seine Leser zu unterhalten und zu fesseln. Am manchen Stellen leuchtet etwas aus dem preußischen Arme-Leute-Alltag heraus, als wär ’s von Ludwig Thoma oder von Wilhelm Busch. An den passenden Stellen liefert das Buch auch zeitkritischen Anmerkungen und Wertungen, und man merkt, dass da ein ausgefuchster Kenner der Materie augenzwinkernd am Werk ist. Er schlägt spielend den Bogen von den Hühnerdieben und Eierräubern, von Schmackedutschen und Papiersoldaten zu Heinrich von Kleist, Theodor Fontane und Rosa Luxemburg.

Ach nee, Sie wissen nicht, was Schmackedutschen sind? Ich verrate es nicht, ich will Ihnen doch nicht den Lesespaß verderben! Sie erfahren es auf Seite 69. Übrigens werden Sie auch daran erinnert, dass man vor nicht allzu langer Zeit als Arbeiter in Preußen die Erlaubnis seines Fabrikherrn brauchte, um zu heiraten. Das Preußische Reich, der Alte Fritz und Kaiser Wilhelm sind längst Geschichte, den Freistaat Preußen (jawoll, sowat jab’s ooch!) hat der Alliierte Kontrollrat 1947 aufgelöst. Aber das nur nebenbei.

Sogar für eventuelle Schnösel, die mit Preußen wenig am Hut haben, sind Dietrich Goldbergs Erinnerungen erbaulich und dabei vergnüglich zu lesen. Man hat keineswegs das Gefühl, der Alte Fritz schaue einem persönlich über die Schulter, mit einem Dreispitz auf dem Kopf, schulmeisterlich den preußischen Rohrstock schwingend.

Peter Joseph Im Juli 2016

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Zweimal Friedrichstraße

Bahnhöfe sind immer wieder Schicksalsstationen, wo manche Lebensweiche gestellt wird – Weichen in Richtung Glück oder so ähnlich. Vom Gegenteil, vom Unglück, soll hier nicht lange die Rede sein. Schließlich waren es die überwiegend lustigen Geschichten aus der Kinderzeit meines Vaters, die mich zu diesem Buch veranlasst haben. Zweimal Friedrichstraße 1 Wie aber auch der Bahnhof Friedrichstraße, der in unserer Familie eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. Das begann bereits vor mehr als hundert Jahren, als zwei Lausejungs aus Wildau, von denen einer dann später mein Vater wurde, sich unbedingt einbildeten, nach Berlin zum Bahnhof Friedrichstraße fahren zu müssen, um ‚ooch mal det Schloss‘ vom Kaiser Wilhelm zu sehen. Geld hatten sie keinen einzigen Pfennig, und Taschengeld kannten die Kinder aus Arbeiterfamilien damals bestenfalls nur vom Hörensagen. Also setzten sie alles daran,  mitunter auf sehr fragwürdige Weise, das Fahrgeld nach Berlin irgendwie aufzubringen. Aber es gibt da auch noch ein paar weitere Geschichten aus unserer Familie – um die jeweiligen Zeiten und Lebensumstände deutlich zu machen – die thematisch alle im Zusammenhang stehen. Und aus diesem Zusammenhang, wenn man so will, ist dann schließlich eine kleine Berliner Familiengeschichte der letzten hundert Jahre geworden.

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